Mantelteilen

Martin von Tours (316- 397) war ein Offizier der römischen Armee. Doch ist es nicht der Militarismus, der den Linken ein Dorn im Auge ist, es ist vielmehr sein Handeln. Martin teilt. Er teilt ganz persönlich und er teilt das, was er selber hat.

Die Legende berichtet von der Teilung des Mantels, als Martin einen unbekleideten Bettler am Wegrand sah. Er teilt seinen Offiziersmantel in zwei Teile und gibt dem Bedürftigen einen Teil davon.

In einem späteren Traum erscheint ihm Christus im Traum, bekleidet mit dem halben Mantel. „Martinus, der noch nicht getauft ist, hat mich mit diesem Mantel bekleidet!”, spricht Christus im Traum zu den ihn begleitenden Engeln. So weit die Legende.

Martin ließ sich nach einer längeren Vorbereitungszeit im Jahr 346 in Amiens taufen. Er wurde später im Jahr 372 Bischof von Tours. Sein Wirken als Bischof ist von der Ausbreitung des Glaubens in der Touraine geprägt. Von seinen Zeitgenossen wurde er hoch verehrt. Er ging rigoros gegen heidnische Heiligtümer vor und zeigte Zivilcourage, indem er dem Kaiser die Huldigung verweigerte, weil dieser durch Mord an die Macht gekommen war. Hoch geehrt starb Martin am 8.November 397. Er wurde am 11. November in Tours unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beerdigt.

Schon bald setzte seine Verehrung als Heiliger ein. Martin wird als Patron der Bettler und Armen, der Reisenden und der Reiter verehrt.

In jedem Jahr gedenkt die Kirche am 11. November seiner. Der Tag ist mit einem reichen volkstümlichen Brauchtum verbunden. Die Mantelteilung wird nachgespielt und es folgt ein Laternenumzug. Dieser geht auf die Lichterprozession zurück, mit der Martin nach seinem Tod nach Tours überführt wurde.

Genau dieses volkstümliche Brauchtum ist nun ins politische Visier geraten. Das Martinsfest soll nicht mehr nach dem Heiligen benannt werden und ein Martinsspiel soll es nicht mehr geben. Selten rückt mal ein Kindergartenfest so ins Licht der Öffentlichkeit. Was aber motiviert die selbsternannten Kritiker eine spannende Geschichte durch ein langweiliges „Sonne, Mond und Sterne – Fest“ zu ersetzen?

Denn, so sollte man denken, stellt die Geschichte von der Mantelteilung doch kein Hindernis dar. Martin war zur Zeit des dargestellten Geschehens noch gar kein Christ. Und auch ein Moslem ist zum Geben von Almosen verpflichtet. Erbarmen mit Armen findet sich als Gebot eigentlich in jeder Religion. Die vorgeschobenen religiösen Gründe könnten es also eigentlich nicht sein. Abgesehen davon, daß man von Seiten der Linken alles religiöse mit reichlich Argwohn betrachtet.

Der römische Offizier Martin tut etwas, was ganz und gar provoziert: Er teilt. Er teilt ganz individuell gerade das, was er hat. Teilen ist durchaus eine Kernkompetenz der Linken, doch teilt man eher das, was einem nicht gehört. Die Millionärssteuer war Wahlprogramm. Man teilt als Linker auch nicht individuell, man teilt gesellschaftlich. In vermeintlicher Robin-Hood-Manier nimmt man es den Reichen (oder die man dafür hält) und gibt es den Armen (oder die man dafür hält). Den Schwund auf dem Verwaltungsweg nimmt man doch gern in Kauf, so lange es der Gesellschaft dient.

Der Arme, der Bettler stört nicht minder. Ist er doch einer, der aus der Gesellschaft raus fällt. Man muß ihn sozusagen resozialisieren. Er muß in die Gesellschaft zurück geführt werden. Hilft man ihm in der konkreten Situation, so entwickelt er ja kein Bewußtsein für seine desolate Lage und ist nicht zum Aufruhr bereit. Nein, der arme Mann in der Martinslegende ist zufrieden und dankbar, weil er nicht mehr frieren muß. Er denkt nicht an ungerechte Strukturen im römischen Reich, er kuschelt sich in den warmen Mantel.

Um das Drama perfekt zu machen, tadelt Christus nicht den römischen Offizier für das Pflästerchen, mit dem er die Ungerechtigkeit der Welt zugeklebt hat. Nein, Christus lobt Martin für sein Tun. Martin bekommt als Ungetaufter ein Lob, weil er erfüllt hat, was Christus seinen Jüngern gesagt hat. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. “ (vgl. Mt 25,35-40)

Keine Revolte, keine Vergesellschaftung, kein Auflehnen gegen die Armut an sich, das ist es, was einen Linken massiv an Martin stören muß. Das aber ist es, was Martin den Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter so eindringlich beibringen kann. Auch heute sind viele der Kinder, die am Martinsspiel und am Laternenumzug teilnehmen, nicht getauft oder kommen aus Familien, die der Kirche fernstehen. Im Spiel lernen Kinder am leichtesten. Das Martinsspiel lehrt sie, daß Teilen nicht eine Aufgabe des Staates, der Gesellschaft oder der Regierung ist. Teilen ist eine Aufgabe, die jeder von uns hat. Sie ist individuell und sie ist situationsbezogen. Armut oder Bedürftigkeit gehorchen keinen Gesetzmäßigkeiten. Sie sind einfach da und sie rufen unser Herz an.

Das ist die Botschaft von St. Martin.

Sicher, moderne Konfektionsware läßt sich nicht so leicht zerteilen wie ein römischer Armeemantel. Und wer trägt heute noch ein Schwert mit sich herum? Doch Bedürftigkeit trägt immer das Angesicht der jeweiligen Zeit. Und sie verlangt die Antworten der jeweiligen Zeit. Ganz persönlich und ganz individuell, nicht gesellschaftlich und nicht von der Partei verordnet.

Der Heilige Martin von Tours stellt sich quer zum Dogma der Linken. Darum stört er.

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Zitat des Moments

»Nicht an die Wissenschaft, sondern in der Wissenschaft soll geglaubt werden – an den, der die Wissenschaft durch seine Geschöpfe ermöglicht: an Gott.«

Der Physiker Max Thürkauf (1925-1993)