Die Mutter gehört zum Kind
von Christa Meves
»Die Mutter gehört zum Kind« – das mag zunächst plakativ klingen, aber die neue Hirnforschung in Bezug auf die ersten drei Lebensjahre des Kindes bestätigt die Richtigkeit dieser Aussage immer nachhaltiger.
Die Computertomographie hat es möglich gemacht: Neugeborene kennen ihre Mütter bereits, und die Kleinen erwarten infolgedessen natürlicherweise von ihnen, daß diese ihre lebensnotwendigen Bedürfnisse erfüllen werden. Schließlich ist das Kind im Leib seiner Mutter entstanden. Gewiß ist das Kind am Lebensanfang der Mutter näher als irgendeinem anderen Menschen. Sie allein hat die optimale Nahrung parat und gewährt so dem Säugling den in dieser Weise notwendigen häufigen Leibkontakt.
Leibkontakt bei der Mutter ist deshalb die wichtigste Vorbedingung für seelische und körperliche Gesundheit im Erwachsenenalter. Für diese Aufgabe ist die Mutter hormonell vorbereitet, und sie hat deshalb auch ein feineres Gespür für die Bedürfnisse des Neugeborenen. Untersuchungen belegen, daß sie das Kind häufiger und zärtlicher anzusprechen pflegt: »Muttersprache « nennt man das deshalb, und der Säugling speichert sie offenbar bereits in seinem Hirn – viel früher, als man bisher angenommen hat.
Wenn die Erwartungen des Babys fortlaufend gestört und irritiert werden, indem der Säugling allein gelassen wird, oder indem man ihn anderen Personen überläßt, oder ihn an eine fremde Umgebung – etwa im Krankheitsfall einer Klinik – übergibt, so kann es zu schweren Angstanfällen kommen, die eine Erhöhung des Streßhormons Cortisol zur Folge haben.
Die Bindung des Kindes an seine Mutter hat also lebenserhaltenden Sinn. Deshalb bleibt sie auch noch in den folgenden Jahren in dem Maß wichtig, als das Kind vollständige Selbständigkeit noch nicht erlangt hat, und das heißt, bis in die Siebenjährigkeit hinein.
Außerdem hat sich jetzt weltweit belegen lassen, daß Kinder, mit denen die Mütter sich in der ersten Lebenszeit intensiv beschäftigt haben, ja, die lange voll gestillt wurden, die besseren Schulleistungen erbringen als andere.
Unbedingt sollte deshalb auch im zweiten und dritten Lebensjahr die Mutter die Hauptbezugsperson bleiben, damit das Kind eine stabile Basis, und das heißt ein sicheres Grundgefühl erwirbt, das es ihm erleichtert, ein konzentrationsfähiger Schüler sowie ein leistungs- und liebesfähiger Erwachsener zu werden.
Die Einrichtungen in unserer Gesellschaft, die den Kleinkindern Fremdbetreuung ermöglichen, damit ihre Mütter erwerbstätig sein können, sind also in einer gefährlichen Weise unvernünftig und kontraproduktiv; denn sie züchten geradezu eine leistungsgeminderte Gesellschaft, in der die Depression zur epidemischen Krankheit avanciert.
Es wäre dringend an der Zeit, Konzepte zu entwickeln, die es den Müttern möglich machen, bei ihren Kleinkindern zu bleiben. Was hilft einer Mutter eine noch so fabelhafte Karriere, wenn ihr Kind sich spätestens im Alter von 16 Jahren als so seelisch geschwächt erweist, daß seine Entwicklung stagniert?
Die Mutter hat sich für eine seelisch gesunde leistungsfähige Gesellschaft als unaufgebbar erwiesen.
"Der Durchblick" Nr. 75, Mai 2011
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