Dialog statt Mission?
Religionsfreiheit: Nicht Gleichgültigkeit sondern Freiheit von Zwang
von Pater Johannes Maria Ziegler SJM
Wurde die Mission nicht durch den Dialog abgelöst? – Ist es von Bedeutung, welcher Religion ich angehöre, da doch auch der in den Himmel kommt, der einfach seinem Gewissen folgt, wenn er nichts von Christus weiß? – Ist es nicht anmaßend und gegen die Religionsfreiheit, jemanden für meinen Glauben gewinnen zu wollen?
Viele Mißverständnisse
Solche und ähnliche Fragen stehen oft im Raum, sogar bei regelmäßigen Kirchgängern. Deshalb wollen wir hier untersuchen, wie Religionsfreiheit, Dialog und Mission von der Kirche verstanden werden und weshalb sie richtig und wichtig sind.
Religionsfreiheit »besteht darin, daß alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so daß in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln.« (2. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Religionsfreiheit, Art. 2)
Gott zwingt keinen Menschen, ihn zu lieben. Denn Liebe kann nur frei geschenkt werden, eine Liebe unter Zwang ist keine Liebe. Deshalb darf auch der Staat oder sonst irgend jemand keinen Menschen im religiösen Bereich zu etwas zwingen. Sei es, daß er zum Beispiel zu religiösen Handlungen verpflichtet wird, sei es, daß sie ihm untersagt werden.
Nur wenn jemand durch seine religiöse Tätigkeit anderen schadet, das heißt, wenn etwas gegen das Strafgesetzbuch verstößt, darf er dabei gehindert werden.
Es geht um die Wahrheit
Die Grundlage für diese Freiheit in religiösen Dingen bietet die menschliche Würde. Sie äußert sich darin, daß der Mensch von Gott Vernunft und freien Willen bekommen hat. Dadurch hat er aber auch Verantwortung, er hat die Möglichkeit und die Pflicht, die Wahrheit zu suchen, besonders was die Religion betrifft.
Die von der Kirche vertretene Religionsfreiheit sagt also nicht, daß es gleichgültig ist, welcher Religion jemand angehört, sondern sie sagt nur, daß jeder von Zwang frei sein muß, damit er seiner Verantwortung nachkommen kann, den wahren Gott zu suchen, zu erkennen und ihn zu lieben.
Gleichzeitig schafft die Anerkennung der Religionsfreiheit durch die einzelnen Staaten die Voraussetzung dafür, daß die katholische Kirche – dem Auftrag Christi entsprechend – das Evangelium in aller Welt verkünden kann, ohne von jemand daran gehindert zu werden.
Der Begriff »Dialog« wird meist mit der Vorstellung verknüpft, daß ein Austausch von Meinungen stattfindet und man so schließlich zu einem Kompromiß oder einem kleinsten gemeinsamen Nenner gelangt. Während das im politischen Bereich durchaus so gelten kann, wäre es für den religiösen Bereich fatal, denn hier geht es nicht um einen Ausgleich von Interessen, sondern um die Suche nach der Wahrheit selbst.
Ganz falsch wäre hier die Vorstellung, daß beim Dialog vielleicht sogar einander widersprechende Lehren vorgetragen werden, die alle gleich wahr sind.
Der Kirche geht es dagegen um einen »ehrlichen Dialog, der die Argumente und Empfindungen des Anderen zu verstehen sucht.
[... Das Zeugnis für den Glauben] erfordert, auf die Hoffnungen und Leiden sowie auf die konkreten Situationen derer zu achten, an die man sich wendet. Darüber hinaus öffnen die Menschen guten Willens gerade im Dialog ihr Herz bereitwilliger und teilen ehrlich ihre geistlichen und religiösen Erfahrungen mit. Ein solcher Austausch, der für eine echte Freundschaft kennzeichnend ist, bietet eine wertvolle Gelegenheit für das Zeugnis und für die christliche Verkündigung.« (Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung).
Es geht also beim religiösen Dialog darum, in echter Freundschaft zu meinem Gesprächspartner über unsere (unterschiedliche) Sicht von Gott und Welt zu sprechen. Dabei suche ich Anknüpfungspunkte zu seinen Vorstellungen und seiner Situation, um ihm das zu bezeugen, was Jesus Christus uns geoffenbart hat. Dabei kann ich auch selbst dazulernen, indem ich im Gespräch vertiefte Erkenntnisse über Dinge gewinne, die grundsätzlich schon im katholischen Glauben enthalten sind.
Somit sind Religionsfreiheit und Dialog wichtige Hilfen, um Verstand und Herz der Menschen mit der Botschaft Christi zu erreichen.
Der Beweggrund aber der Evangelisierung bzw. Mission ist die Liebe Christi, die das ewige Heil der Menschen will. Allein aus diesem Grund hat Er den Missionsauftrag gegeben: »Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe« (Mt 28,19-20).
Es geht nicht darum, andere Menschen mit meinen eigenen Einsichten zu beglücken, sondern das Geschenk der Gemeinschaft mit Christus auch anderen zu vermitteln: »Die Verkündigung und das Zeugnis des Evangeliums sind der allererste Dienst, den die Christen jedem einzelnen Menschen und dem ganzen Menschengeschlecht leisten können, sind sie doch dazu aufgerufen, allen die Liebe Gottes zu vermitteln, die im einzigen Erlöser der Welt, Jesus Christus, ganz offenbart worden ist« (Benedikt XVI. in einer Ansprache über die Missionstätigkeit der Kirche am 11. März 2006).
Der allererste Dienst
Nicht zu missionieren wäre also Egoismus. Aber kann man nicht auch ohne sichtbar Mitglied der Kirche zu sein das ewige Heil erlangen? Doch, vorausgesetzt, jemand kennt die Kirche und Christus nicht als das, was sie wirklich sind; er sucht aber aufrichtig nach der Wahrheit und folgt seinem Gewissen. Das ist jedoch ohne die Kirche viel schwieriger als mit ihr, denn erstens ist durch die Erbsünde unsere Erkenntnis des rechten Weges zu Gott und der Wille zum Guten geschwächt und zweitens stellt Christus uns durch die Kirche viele wirksame Hilfsmittel (besonders die Sakramente) zur Verfügung, die den Weg wesentlich erleichtern.
Geben wir also weiter, was wir selbst empfangen durften!
Lektüre zur Vertiefung des Themas:
Beide erwähnten Dokumente finden sich auf der Homepage des Vatikan: www.vatican.va II. Vatikanisches Konzil: Erklärung über die Religionsfreiheit »Dignitatis humanae «. Kongregation für die Glaubenslehre: Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung.
"Der Durchblick" Nr. 59, September 2008 |