Die Reinheit des Herzens
Der erlöste Mensch hat ein unverkrampftes Verhältnis zur Sexualität
von Birgit und Corbin Gam
Mit diesem fünften Artikel der sechsteiligen Serie über die Theologie des Leibes wollen wir Ihnen die Reinheit des Herzens aufzeigen, die ihren Ursprung in der Liebe hat.
Der hl. Apostel Paulus schreibt: »Für die Reinen ist alles rein, für die Unreinen und Ungläubigen aber ist nichts rein, sogar ihr Denken und ihr Gewissen sind unrein.« (Tit 1,15)
Der päpstliche Hofprediger Raniero Cantalamessa schreibt, daß wir in einer Zeit leben, in der wir, was die Sitten und die Moral betrifft, ins finsterste Heidentum zurückgefallen sind. (vgl. Cantalamessa, Als neuer Mensch leben, Herder 2003)
Nach Cantalamessa, der als Kirchenhistoriker die Anfänge des Christentums studiert hat, waren es zwei Dinge, durch die es der frühen Kirche gelungen ist, die damalige heidnische Welt zu verändern: die Glaubensverkündigung, und das Lebenszeugnis der Christen. Und im Bereich des Lebenszeugnisses waren es wiederum zwei Dinge, die die Heiden am meisten beeindruckt haben: die Nächstenliebe und die Reinheit der Sitten.
Die Reinheit ist ein schwieriger Begriff geworden. Die Tugend der Reinheit ist in unserer Zeit auch unter den Christen in Vergessenheit geraten oder wird belächelt. Oft sagt man: Ich schade doch niemandem, wenn ich meine Sexualität so auslebe, wie es mir gefällt. (Lediglich Vergewaltigung oder Kindesmißbrauch gelten heute als Tabus.) Aber täuschen wir uns nicht. Es ist nicht wahr, daß das, was ich lebe nur auf mich selbst beschränkt bleibt.
Im jüdischen Talmud steht eine Lehrgeschichte, die den Schaden zeigt, den eine persönliche Tat oder Sünde allen zufügt: An Bord eines Schiffes befanden sich mehrere Menschen. Einer von ihnen nahm einen Bohrer und begann unter sich ein Loch zu bohren. Als die anderen Passagiere das sahen, sagten sie zu ihm: »Was tust du da?« Er antwortete: »Was geht euch das an, ist das nicht mein Sitz, unter dem ich das Loch mache?« »Ja, « antworteten sie, »aber das Wasser wird eindringen, und wir alle werden ertrinken.«
Was ist also die Reinheit? Zunächst: Reinheit ist nicht Prüderie. Prüderie im engeren Sinne bezeichnet die weitgehende Ablehnung der menschlichen Nacktheit. Im weiteren Sinne bezeichnet Prüderie eine Geisteshaltung, die das Ziel hat, sexuelle Äußerungen jeglicher Art weitestgehend auszuschließen.
Das Beispiel eines Bischofs
Was tun wir also, wenn wir an einer Plakatwand mit spärlich bekleideten Frauen oder Männern vorbeigehen? Wir schauen weg. Das kann klug sein. Wir nennen es das klassische »Vermeiden einer Gelegenheit zur Sünde«. Das ist ein notwendiger erster Schritt, aber Johannes Paul II. würde einen solchen Ansatz lediglich als »negative« Reinheit bezeichnen.
Er sagt, Reinheit ist mehr. Wir müssen die Erfahrung einer »positiven« oder »reifen« Reinheit machen. Eine Erzählung aus der Zeit der frühen Kirche kann uns das verdeutlichen:
Einige Bischöfe standen vor der Kathedrale in Antiochien. Eine sehr schöne, stadtbekannte Prostituierte kam auf der anderen Straßenseite den Bischöfen entgegen. Die Bischöfe schauten sofort in die andere Richtung. Nur Bischof Nonnus schaute die Frau an und sagte zu seinen Mitbrüdern: »Habt ihr nicht Freude an der Schönheit dieser Frau?« Die anderen Bischöfe schwiegen. Und er sagte noch einmal: »Ja, es erfreut mich«, aber es standen Tränen in seinen Augen und er weinte über sie.
Als die Prostituierte sah, wie der Bischof sie anschaute, war sie betroffen, weil sie noch nie ein Mann mit solcher Reinheit angeschaut hatte. Er schaute sie nicht mit einem begehrlichen Blick an, er sah in ihr die Schönheit, aber er erkannte auch das Geheimnis, das Gott in sie hineingelegt hatte. Dieser reine Blick des Bischofs war für sie der Beginn ihrer Bekehrung zu Christus und diese ehemalige Prostituierte kennen wir heute als heilige Pelagia.
Würde oder Begierde?
Gerade die Männer (aber auch die Frauen) haben die Fähigkeit mit ihrem Blick die Würde eines Menschen aufzubauen oder sie niederzureißen. Für eine Frau kann es z.B. ein Spießrutenlaufen sein, an einer Gruppe Soldaten oder an einer Baustelle vorbeizugehen. Eine Frau fühlt, wenn ihr die Blicke folgen, oder wenn sie einen Raum betritt und jemand sie von oben bis unten betrachtet.
Es stellt sich die Frage: Wie schaue ich eine Frau an? Was sehe ich in ihr? Unser Blick ist Ausdruck dessen, was in unserem Herzen ist. Bischof Nonnus sah den Leib der Frau, aber er sah auch das Geheimnis in ihr.
Vielleicht denken wir: »Das ist unmöglich! Der (fast) nackte Körper wird immer Begierde erwecken.« Für den Menschen, der von der Begierde beherrscht wird, stimmt das auch. Aber um eine der kühnsten Aussagen von Papst Johannes Paul anzuwenden:
»Von welchem Menschen ist die Rede? Von dem Menschen, der von der Begierde beherrscht wird, oder von dem Menschen, der von Christus erlöst wurde? Christus hat uns erlöst! Das bedeutet: Er hat uns die Möglichkeit geschenkt die ganze Wahrheit unseres Seins zu verwirklichen; Er hat unsere Freiheit von der Herrschaft der Begierde befreit« (Veritatis Splendor, Nr. 103).
Wenn Menschen glauben, ein »lüsterner Blick« sei die einzige Art und Weise, wie man den menschlichen Körper ansehen kann, dann teilen sie das, was Johannes Paul II. »die Interpretation des Argwohns« nennt. Wer in ständigem Argwohn lebt, kann sich keine andere Art vorstellen, über den menschlichen Körper und die sexuelle Beziehung zu denken, als durch das Prisma der Begierde.
Wenn wir – so Johannes Paul – »bei dieser ständigen und gnadenlosen Anklage des Herzens« stehenbleiben (29. Okt. 1980), verurteilen wir uns selbst zu einer hoffnungslosen und lieblosen Existenz. Wir verurteilen uns selbst dazu, die Vorschriften zu befolgen, ohne dabei unser Herz zu ändern. Schließlich geben wir Gottes Gesetze auf, weil wir uns einfach nicht daran halten können.
Die Lösung ist: Von innen her rein zu denken. Johannes Paul ruft uns dazu auf – versuchen wir es in der bevorstehenden Faschingszeit.
"Der Durchblick" Nr. 67, Januar 2010
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