300.000 Embryomodelle verteilt
Politik, Kirche und Medien sprechen wieder über Abtreibung
von Thomas Schührer
Am 13.8.2010 stellte der Durchblick e.V. im Rahmen einer Kundgebung in der Innenstadt von Saarbrücken 1.278 Paar Kinderschuhe auf, um zu zeigen, wie viele Kinder im Saarland im Jahr 2009 nach der offiziellen Statistik durch Abtreibung getötet wurden.
Es sprachen auch zwei betroffene Frauen. Sie berichteten, welch schlimme Folgen Abtreibung in ihrem Leben hatte.
Frau Ursula Linsin-Heldrich erzählte von dem schweren Leid, durch das sie nach der Tötung ihres Kindes Alkoholikerin geworden war. Auch ihre Ehe zerbrach in der Folge. Durch den Glauben fand sie später die Kraft, ihre Abtreibung zu verarbeiten, ihre Sucht zu überwinden und wieder ein normales Leben zu führen.
Die Sängerin und Liedermacherin Claudia Wellbrock hat ihre Erfahrungen in Liedern verarbeitet und gibt sie in musikalischer Form weiter. Ihre Texte haben viele Passanten emotional bewegt.
Das Interesse der Passanten an den persönlichen Erfahrungen war wieder sehr groß. Das deckt sich mit den bisherigen Beobachtungen bei ähnlichen Veranstaltungen.
Erstmals sprach auch die bekannte Buchautorin und Eheberaterin Frau Ruth Heil bei uns. Die Mutter von elf Kindern erzählte, wie sie ab dem dritten Kind mit hämischen Bemerkungen gekränkt und kritisiert wurde. Frau Heil beklagte eine große Familienfeindlichkeit in Deutschland. Zugleich warb sie, solche Angriffe zu ignorieren. Gerade ihr letztes Kind, das sie in vorgerücktem Alter bekam, sei ihr heute eine besondere Stütze.
1.278 stumme Zeugen
Ruth Heil berichtete, daß sie zwei Fehlgeburten hatte. Obgleich sie viele Kinder gebar und die zwei Kinder schon im frühen Stadium gestorben waren, habe sie die beiden Kinder immer vermißt.
Ergänzend sagte sie: »Was ich immer wieder erlebe: daß Frauen und Männer, die zu uns in die Beratung kommen , nach einer Abtreibung unendlich leiden. Ich kann mich sehr gut in sie einfühlen; ich habe zwei Fehlgeburten hinter mir, unter denen ich sehr gelitten habe – wie muß es erst sein, wenn man selbst mit beteiligt ist und es verursacht hat!«
Die Kundgebung in der Saarbrücker Fußgängerzone war der Auftakt zur »Embryonenoffensive« im Saarland. Dabei wurden durch die Deutsche Post AG 300.000 Embryomodelle in alle Briefkästen mit Tagespost des Saarlandes verteilt. Das originalgetreue Modell zeigt den Entwicklungsstand eines Kindes 10 Wochen nach der Empfängnis. In Deutschland kann bis zur 12. Woche straffrei abgetrieben werden.
In der belebten Fußgängerzone erregte unsere Kundgebung viel Aufmerksamkeit. Sehr viele junge Menschen machten mit ihren Fotohandys Aufnahmen. Erfahrungsgemäß werden solche Bilder dann an Gleichaltrige geschickt oder herumgezeigt, wodurch die Aktion in dieser Altersgruppe zusätzlich viele erreicht.
Beeindruckende Zeugnisse
Bei dieser Kundgebung haben wir dieses mal ganz bewußt auf Prominente verzichtet. Es sollten ausschließlich die drei großen Tabus zum Thema angesprochen werden: Die hohe Zahl an Abtreibungen, das unsägliche Leid von Frauen nach Abtreibung, sowie die Tatsache, daß bei jeder Abtreibung ein Mensch getötet wird.
Durch die Kinderschuhe in der Fußgängerzone, die Zeugnisse der betroffenen Frauen während der Kundgebung und die Verteilung des originalgetreuen Embryomodells ist dies wieder sehr gut gelungen.
Die Ankündigung, flächendeckend das gesamte Saarland mit Embryomodellen zu bestücken, rief einige Medienresonanz hervor. Die auflagenstärkste Zeitung des Saarlandes, die »Saarbrücker Nachrichten« berichtete als erste. Lobend sei erwähnt, daß dieser Bericht ausgewogen und fair war. Das ist bei Lebensrechtthemen leider oft nicht der Fall.
Der Saarländische Rundfunk meldete sich und bat um ein Interview. Bereits um Mitternacht wurde in den Hörfunknachrichten von der bevorstehenden Verteilaktion berichtet. Dann den ganzen Tag, zu jeder vollen Stunde. Morgens um 7.20 Uhr kam ein mehrminütiger Radiobericht. Also zur besten Sendezeit, wenn viele Autofahrer auf dem Weg zur Arbeit sind und ihr Radio eingeschaltet haben. Auch dieser Bericht war ausgewogen und journalistisch professionell.
Nun meldete sich das Saarländische Fernsehen. Auch hier gab es eine ausführliche Berichterstattung in den Lokalnachrichten, durch die viele Menschen im Saarland wiederholt mit der Thematik Lebensrecht konfrontiert wurden. Schließlich rief das ZDF an und interessierte sich für einen Beitrag für das Magazin »Heute in Deutschland«, das werktags um 14 Uhr gesendet wird.
Die Ausstrahlung am nächsten Tag war erkennbar tendenziös negativ. Es kamen praktisch nur negative Stimmen zu Wort. Der Beitrag begann mit dem Satz: »Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland distanzieren sich klar von einer Initiative des Vereins Durchblick...«
Diese Aussage bewegt sich am Rande einer Falschmeldung. Denn zum damaligen Zeitpunkt lagen dem ZDF lediglich die Stellungnahmen des Bistumssprechers von Trier und eines evangelischen Superintendenten vor. Das ist aber nicht die »Kirche in Deutschland«. Trotz wiederholter Anfrage hat sich das ZDF zu diesem Punkt nicht geäußert.
Interesse der Medien
Der Pressesprecher des Bistums Trier hatte sich auf Journalistenanfrage in einer Stellungnahme klar gegen Abtreibung ausgesprochen und das Recht auf Leben eindeutig betont. Die Erklärung war so abgefaßt, daß sie jedem Lebensrechtler Freude machen konnte. In einem halben Satz sagte der Sprecher jedoch, das Bistum halte unsere Embryonenoffensive »nicht für den geeigneten Weg, um auf die Würde und den Schutz des ungeborenen Lebens und die Problematik von Abtreibungen hinzuweisen.«
Darauf gab es sehr großen Protest beim Bistum Trier. Eine Welle der Empörung traf die Bistumsleitung und den Pressesprecher. In einer Stellungnahme ließ der Trierer Bischof Ackermann daraufhin klarstellen: »Das Bistum Trier und Bischof Dr. Stephan Ackermann halten die Aktion zwar für provokant, sehen aber keine Veranlassung sie abzulehnen.«
Die evangelische Nachrichtenagentur idea berichtete, die Saarländische Familienministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) habe auf Anfrage gesagt: »In einer Gesellschaft läuft einiges schief, wenn sich die Öffentlichkeit nicht mit 1.278 Abtreibungen allein im Saarland beschäftigt, sondern über eine Kampagne zum Thema aufregt.«
Die frühere Vorsitzende des Zentralkomitee deutscher Katholiken (ZdK) Rita Waschbüsch, die nun Vorsitzende des Vereins »Donum Vitae« ist, sagte: »Was könnten wir mit den 63.000 Euro, die die Aktion gekostet hat, alles machen«.
Donum Vitae ist eine von Katholiken gegründete Initiative, die nach dem päpstlichen Verbot weiterhin Beratungsscheine ausstellt, die Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung sind. Donum Vitae wird vom ZdK unterstützt.
Viele Menschen erreicht
Der Verein »Donum Vitae« unterhält nach eigenen Angaben über 100 Beratungsstellen und hat mehrere hundert Vollzeit- und Teilzeitkräfte auf der Gehaltsliste. Das Stiftungsvermögen dürfte bei mehreren Millionen Euro liegen. Auf wiederholte Nachfrage gab der Verein keine Auskunft über sein Jahresbudget, das aber ebenfalls mehrere Millionen Euro betragen dürfte.
Im Deutschlandfunk gab es ebenfalls eine mehrminütige Berichterstattung, die – abweichend von der gewohnt hohen Qualität dieses Senders – sehr einseitig negativ war.
Zusammenfassend kann von einer erfreulich breiten Berichterstattung gesprochen werden. Es ist uns gelungen, das Thema Lebensrecht wieder auf die Tagesordnung zu bringen. Auch die tendenziösen Berichte dienten unserem Anliegen. Denn selbst wer über uns schimpft, kommt nicht umhin, das Modell zu zeigen. Und genau das zählt.
Die Wahrheit siegt kraft der Wahrheit. Viele Menschen, die das Modell gesehen haben, denken um. Die negativen Begleitkommentare werden vergessen, das Bild vom Modell bleibt haften. Erst in der Ewigkeit wird offenbar werden, wie viele Kinder durch diese Berichte zusätzlich gerettet werden konnten.
„Der Durchblick“ Nr. 71, September 2011 |