Gibt es auch heute noch irgendeine Art von Nüchternheitsgebot vor der Kommunion? Ich hörte vor kurzem, es sei total aufgehoben worden. Welchen Sinn hatte bzw. hat ein solches Gebot?


 

Total aufgehoben ist das Gebot nicht, es wird jedoch seit 1964 nur noch eine Stunde Nüchternheit vor der Kommunion verlangt. Das geltende kirchliche Gesetzbuch von 1983 bestimmt, daß es dabei um die Enthaltung von allen Speisen und Getränken mit Ausnahme von Wasser und Medikamenten geht; und daß ältere Leute und Kranke sowie deren Pflegepersonen von der Vorschrift ausgenommen sind.

Bei der Entstehung des entsprechenden Brauches in den ersten Jahrhunderten des Christentums sah man im Nüchternsein eine Fastenübung, die den ehrfürchtigen Empfang der Kommunion fördern sollte.

Allerdings wirkte sich der bald zur Vorschrift gewordene Brauch mit der Zeit negativ aus, in dem Sinn, daß bei Meßfeiern, die später als halb neun oder neun Uhr begannen, außer dem Priester niemand mehr kommunizierte. Wegen dieses Mißstandes besannen sich im 20. Jh. viele Seelsorger und Christen, daß Jesus schließlich die heiligste Eucharistie im Verlauf eines Mahles gestiftet hat.

Wie sollten wir von daher die eine Stunde Enthaltung sehen? Nun, für viele von denen, die einen etwas längeren Weg zur Kirche haben, ist die Frage gegenstandslos, denn für sie dauert es von der letzten Mahlzeit ohnehin etwa eine Stunde bis zum Kommunionempfang. Wer immer aber den verlangten Verzicht als Einschränkung empfindet, sollte ihn so verstehen, wie oben in Bezug auf die Christen der ersten Jahrhunderte gesagt wurde: als Fastenübung zur Vorbereitung auf den Kommunionempfang.

Bei besonderen Schwierigkeiten kann es jedoch Entschuldigungen davon geben. Das ist z. B. der Fall, wenn jemand wegen dringender Aufgaben bis kurz vor der Meßfeier nicht essen kann und ebenso nicht gleich nachher; oder wenn einer einen Partner hat, der für solche Dinge wenig Verständnis aufbringt und der ebenso erst knapp vor der Messe essen kann oder will: Dann kann es eine Pflicht der Nächstenliebe sein, sich anzupassen. Wegen der Erfüllung einer derartigen Pflicht aber sollte niemand auf den Kommunionempfang verzichten.

(Pfr. Dr. François Reckinger)

 

„Der Durchblick“ Nr. 54, November 2007


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Zitat des Moments


»Mit der Ablehnung durch oberflächliche oder gleichgültige Zeitgenossen können praktizierende Katholiken umgehen, aber die mit hehren Worten vorgebrachten Klagen gut dotierter Theologen, die sich in den Medien als Vertreter des Kirchenvolks aufspielen, strapazieren ihre christliche Nächstenliebe über alle Maßen.«

Die Schriftstellerin Sigrid Grabner in ihrer Kritik am Theologenmemorandum im »Vatican-Magazin«, März 2011.